Sprachvermittlung und ehrenamtliche Arbeit mit Geflüchteten (LV-Nr.: 56-1007)

Organisatorinnen: Jun.-Prof. Dr. Laila Prager / Pia M. Erzigkeit
Institutionelle Einbindung: UHH, Institut für Ethnologie

Ein Text von Martin Haars

Hintergrund des Projekts

Sprache gilt mittlerweile als wichtigster Schlüssel zu einer schnellen und erfolgreichen Integration in eine deutsche Gesellschaft wie beispielsweise die Stadtkultur(en) Hamburgs. Deutsch-Sprachkurse für Nicht-MuttersprachlerInnen haben daher im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten einen erhöhten Stellenwert zugesprochen bekommen. Leider haben nicht alle Geflüchteten Zugang zu intensiven, professionellen und berufsqualifizierenden Sprachkursen (Niveaus B1, B2, C1 aufwärts).

Viele Geflüchtete mit schlechter Anerkennungsperspektive im oder nach dem Asylverfahren haben keinen Anspruch auf einen so genannten „Integrationskurs“ im Umfang von (mindestens) 600 Unterrichtseinheiten Deutsch-als-Fremdsprache (DaF). Es gibt viele Menschen in Hamburg, die aus verschiedenen Gründen nicht in das deutsche Integration-Regelsystem (Zuerkennung Schutzstatus > Integrationskurs > DaF B1-Kurs + ggf. Aufbaukurs > DaF B2 > Praktikum > Berufsausbildung) eingebunden sind. Gründe hierfür können zum Beispiel sein: (1) Herkunft aus einem sog. „sicheren Drittstaat“, zu denen bspw. auch Afghanistan gerechnet wird (umstritten!), verbunden mit schlechter Bleibeperspektive, (2) negativer Bescheid im Asylverfahren mit Aufforderung zur Ausreise aus Deutschland und entsprechender, stets nur kurzzeitiger Duldung, (3) individuelle Hinderungsgründe, die eine derzeitige Teilnahme an einem Integrationskurs unmöglich machen, bspw. bestimmte Erkrankungen, Fürsorgepflichten, Analphabetismus, …

Es gibt also Gruppen von Geflüchteten mit vergleichsweise guten Zugangschancen zu qualifizierenden (Weiter-)Bildungsmaßnahmen und andere Gruppen, die von einer staatlichen Förderung dauerhaft oder vorübergehend weitestgehend ausgeschlossen sind.

Für Personen aus der letztgenannten Gruppe wurden die Deutschsprachkurse am Institut für Ethnologie konzipiert, auch weil hier in Hamburg einerseits großer individueller Bedarf an Unterricht und Unterstützung und andererseits ein limitiertes Angebot von etablierten Sozial-/Bildungsträgern aufeinandertreffen.

Das auf freiwilligem Engagement basierende DaF-Unterrichtsangebot des Instituts für Ethnologie steht damit nicht in Konkurrenz zu Angeboten anderer Träger wie etwa privater Sprachschulen, staatlich geförderter Bildungsunternehmen (VHS Hamburg) oder öffentlicher Institutionen (z.B. Sprachenzentrum der Universität Hamburg). Die DaF-Kurse sollen vielmehr einen Raum bieten, in dem Deutsch-Lernende mit Anleitung studieren und Hausaufgaben machen können, möglichst mit individueller Betreuung durch eine/n studentische/n Lehrer/in.

Die Schwerpunkte liegen derzeit auf dem Training des Lese- und Hörverstehens, der verbesserten Gesprächsführung und der Vermittlung von Alltagskenntnissen und – nebenbei – bestimmten Aspekten der Hamburger Jugendkultur (Motto: da nich für, digga). Weniger prominent vertreten sind dafür der klassische Deutsch-Grammatik-Unterricht und das gemeinsame Wälzen dicker Lehrwerke.

Sofern freie Plätze und Kapazitäten vorhanden sind, können auch andere TeilnehmerInnen mit anderen Bedarfen unterrichtet werden, z.B. Geflüchtete, die ein Studium an der Universität Hamburg anstreben und sich gezielt auf relevante Prüfungen/ Prüfungsabschnitte vorbereiten wollen (B2/C1-Prüfungen, DSH-Vorbereitung bzw. „Nachhilfe“). In diesen Fällen ist es sinnvoll, eine 1:1 Betreuung anzubieten, da sich das Sprachniveau dieser Lernenden deutlich von dem anderer TeilnehmerInnen abhebt.

Bisherige Erfahrungen (primär im akademischen Jahr 2016, SoSe 2016 bis WiSe 2016/17)

Die DaF-Kurse wurden kontinuierlich gut besucht. Es kommen regelmäßig mehr als 10 TeilnehmerInnen bei Anwesenheit von nicht weniger als 4 Lehrenden. Die Kurs-Angebote am Montagabend und Freitagnachmittag werden stärker nachgefragt als der DaF-Kurs am Freitagvormittag.

Hilfreich für die Lehrenden war/ ist es stets, wenn die TeilnehmerInnen bereits mit selbst ausgewählten, eigenen Aufgaben in den Unterricht kommen, d.h. wenn bereits klar war/ ist, auf welcher Grundlage der Unterricht basieren soll/ kann und was das aktuelle Lernziel ist (z.B. Vorbereitung auf eine A1/A2/B1-DaF-Statusprüfung). Zum Teil kann der Unterricht dann in Kleingruppen von 2-4 Personen organisiert werden, sofern die Sprachkompetenzniveaus der Lernenden in etwa übereinstimmen.

Ein durch ein festgelegtes Curriculum gesteuerter Unterricht der gesamten Gruppen war/ ist auf Grund der sehr unterschiedlichen Sprachniveaus der anwesenden Lernenden nicht möglich. Die Konzeption eines prüfungsvorbereitenden Kurses in einem Klassenverband (etwa ein A2-DaF-Kurs) war/ist derzeit nicht das Ziel dieser Lehrveranstaltung. In Einzelfällen haben sich Lehrende erfolgreich dafür eingesetzt, dass hoch motivierte Teilnehmende einen „regulären“ DaF-Sprachkurs an einer Sprachschule finden konnten.

Im Zentrum der Anstrengungen der Lehrenden stehen die Unterstützung von Geflüchteten im Prozess der Aneignung von Sprach- und Alltagskompetenzen sowie die Gestaltung von geeigneten Lehrmitteln und die Konzeption von Unterrichtseinheiten gemäß der jeweiligen Bedarfe (z.B. Gruppenarbeit zur Wortschatzerweiterung zum Thema „Meine perfekte Wohnung“ mit Diskussion des deutschsprachigen Popsongs „Haus am See“ von Peter Fox).

Gute Erfolge gab/ gibt es bislang im Bereich der individuellen Prüfungsvorbereitung (A2 & B1 DaF-Sprachkursprüfungen), z. B. bei der Entwicklung von Präsentationen über ein selbstgewähltes Thema oder der Erarbeitung und Einübung von Sprachschüler-Dialogen. Alltagsbezogene Lerneinheiten werden sehr gut angenommen (z. B. Gesprächsübungen zum Themenfeld Ärzt-Besuche oder Dialogübungen zum Einkauf von Lebensmitteln in Supermärkten – in Verbindung mit dem gemeinsamen Zubereiten von Gerichten!). Auch „Außentermine“, wie z. B. der Besuch von Bibliotheken in Hamburg (AAI-Bibliothek, Bücherhalle) wurden positiv aufgenommen.

Unterstützung & Qualifikation der Lehrenden

Die Lehrenden eines Kurses (d. h. eines bestimmten Semesters) können auf die Vorarbeiten anderer Studierender zurückgreifen. Einige Lehrmaterialien wie Übungsblätter, Scans von Abschnitten aus einschlägigen DaF-Lehrwerken, etc. wurden in einem AGORA-Raum (d. h. in einem Online-Repositorium für die akademische Lehre) gesammelt: CommSy-Raum Sprachvermittlung für Geflüchtete (letzter Zugriff im März 2017).

Die studentischen LehrerInnen werden zusätzlich zu ihrer Eigenarbeit durch Coachings unterstützt. Es gibt über das Semester verteilt verschiedene Termine, die (zum großen Teil) verpflichtend wahrgenommen werden müssen. Zusammen mit einem Coach können Themen besprochen werden, die den Lehrenden „auf dem Herzen liegen“ oder auch Unterrichtskonzepte gemeinsam besprochen werden. Pro Semester gibt es 6 Coaching-Termine von jeweils 1 ½ Std. (90 Min.) Dauer.

Es wird von den Lehrenden erwartet, dass sie sich intensiv mit Fragen der Vermittlung von Sprachkenntnissen und der Konzeption von Sprachunterricht auseinandersetzen, ohne jedoch von sich & anderen zu erwarten, dass man über Nacht ein/e professionelle/r DaF-Lehrer/in wird. Die Etablierung einer „Geflüchteten-Klönschnack“-Runde oder einer reinen Hausaufgaben-Betreuung für Geflüchtete sind jedoch ausdrücklich nicht die Ziele der Lehrveranstaltung. Es geht um ein wenig mehr als um das einfache miteinander „schnacken“ und um ein bisschen weniger als professionellen DaF-Unterricht.

Ferner gibt es Studierende, die bereits seit einem/mehreren Semester/n als Lehrende aktiv waren/sind, und die ihre Erfahrungen mit einzelnen Lernenden oder der Unterrichtsgestaltung an neue Lehrende gerne weitergeben. Die Erfahrungsweitergabe erfolgt vornehmlich in persönlichen Gesprächen und Begegnungen, aber auch in den Coaching-Einheiten oder zum geringeren Teil in Form von Erfahrungsberichten.

Studierende können im Falle einer engagierten Kursteilnahme auch Leistungspunkte für ihr Studium erwerben. Die Voraussetzungen hierfür sind:

  • die eigenständige Gestaltung des wöchentlichen Deutsch-Unterrichts (3 Std. pro Woche);
  • die aktive und regelmäßige Teilnahme an den Coaching-Termine während des Semesters;
  • ein angemessenes Kommunikationsverhalten ggü. anderen Lehrenden und Lernenden im Sinne der Etablierung eines angenehmen gemeinschaftlichen Miteinanders zum gemeinsamen Nutzen / Erfolg / Spaß.

Der Arbeitsaufwand im Falle einer offiziellen Kursteilnahme liegt bei etwa 7 Std. pro Woche. Der Lohn der Teilnahme sind 5 LPe. Eine selbstständige Anmeldung zum Kurs über STiNE ist derzeit nicht möglich – eine entsprechende Nachmeldung über eine Anmeldeliste ist indes möglich.

Organisatorisches

Die organisatorischen Voraussetzungen für die professionelle Gestaltung und effektive Durchführung des Unterrichts vor Ort sind denkbar gut. Direkt neben dem Unterrichtsraum, Raum 223 – Seminarraum der Ethnologie, liegt die Teeküche, drei Türen weiter den Flur hinunter das „Archiv“ des Instituts mit einem Kopierer und einer Sammlung von Unterrichtsmaterialien, auf die die Lehrenden zurückgreifen können. Im Unterrichtsraum gibt es eine Tafel, FlipCharts und bei Bedarf auch einen Beamer.

Der Kursumfang beträgt idealerweise drei Stunden, aufgeteilt in zwei Einheiten à ca. 80-90 Min. mit einer Pause „in der Mitte“. In den Pausen können sich die Teilnehmenden im Café im Foyer stärken und erfrischen. Pausen-Snacks und Kaffee/Tee können allerdings auch in der Teeküche des Seminars zubereitet und eingenommen werden, so dass keine zusätzlichen Kosten für Lernende & Lehrende entstehen (müssen).

Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass aus unterschiedlichen Gründen sowohl Lernende als auch Lehrende ab und zu oder regelmäßig nicht „pünktlich“ zum angesetzten Kursbeginn erscheinen können. Gegenseitiges Verständnis für die aktuelle Lebenssituation des Gegenübers ist angezeigt und damit einhergehend manches Mal auch ein entspannter Umgang mit terminlichen Zusagen/Absagen.

Termine der Kurse:

Termine der Deutschkurse für Geflüchtete:

Montags, 18:00 – 21:00 Uhr
Freitags, 10:00 – 13:00 Uhr (= Kurs 1)
Freitags, 13:00 – 16:00 Uhr (= Kurs 2)

Ort: Universität Hamburg, IKK, Institut für Ethnologie
Gebäude: ESA Westflügel, 2. Stock, Flur links
Räume: 222 / 223

Kontakt:

Projektleitung: Jun.-Prof. Dr. Laila Prager
Universität Hamburg, Fakultät für Geisteswissenschaften
Institut für Kulturgeschichte und Kulturkunde (IKK) – Institut für Ethnologie
Edmund-Siemers-Allee 1, ESA Westflügel
20146 Hamburg

Homepage: www.ethnologie.uni-hamburg.de/laila-prager

Mitarbeiterin & Koordinatorin: Pia M. Erzigkeit
E-Mail: L.Prager.Ehrenamtliche-Arbeit@gmx.de

Außeruniversitärer Kooperationspartner:
Grone-Bildungszentrum für Qualifizierung und Integration Hamburg GmbH
Gotenstraße 10
20097 Hamburg
Homepage: www.grone.de