Schlussreflexion: Hospitation und Team-Teaching in IVK

Zur Person der Verfasserin: Paula

Ich studiere Erziehungs- & Bildungswissenschaft im ersten Semester an der Universität Hamburg. Ich habe vor der Studienzeit bereits Erfahrungen mit Geflüchteten sammeln dürfen und war in der Vergangenheit sowohl in kulturell gemischten Schulklassen tätig, als auch in Klassen, in denen ausschließlich Kinder mit Fluchtgeschichte waren. Dieses Projekt hat mir die Gelegenheit gegeben, einen erweiterten Blick in Klassen mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu erhalten.

In meinem Projekt ging es kurz und knapp darum, geflüchtete Jugendliche in Deutschland zu unterstützen, indem ich ihnen half sich in der Schule zu öffnen. Dieses geschah, indem ich die Schüler/innen nach einem besonderen Erlebnis in ihrem Leben fragte, welches sie der Klasse berichteten oder den Schüler/innen sagte, dass ich ein offenes Ohr für ihre Anliegen habe.

Außerdem ging es weiter in meinem Projekt darum, dass ich die Schüler beim Erlernen der deutschen Sprache unterstützte.

Das Ziel des Projekts war es, den Schüler/innen in ihrem Schulalltag zu helfen, indem ich ihre Schulaufgaben kontrollierte, Verbesserungsvorschläge gab und ein offenes Ohr für die Schüler/innen hatte. Außerdem war es für mich ein Ziel Erfahrungen zu sammeln und diese zu reflektieren.

Der Bereich Schule ist sehr wichtig für Jugendliche, besonders aber für Geflüchtete, da sie die Chance auf Bildung erhalten. Außerdem ist es für viele ein sehr wertvoller Ort, da sie den Alltagssituationen und dem Stress mit anderen Mitbewohnern in der Flüchtlingsunterkunft entkommen können und sich auf die Ziele Bildung und Erlernen der deutschen Sprache konzentrieren können.

Ich hatte bereits in den vorherigen Berichten erläutert, welche Schulen ich besucht habe und was ich genau dort erlebt habe, deshalb geht es in diesem Bericht hauptsächlich um die Ansicht der Lehrer/innen und um meine Reflexion über die Schüler/innen und das Projekt im Allgemeinen.

Vorgehen und Forschungsfragen

Meine übergeordnete Fragestellung lautete:

Was ist am Lernverhalten und Lernprozess von Geflüchteten  anders als bei Schüler/innen, die in Deutschland aufgewachsen sind?

Ich habe mir hierzu vier Fragen überlegt, welche ich den Klassenlehrer/innen an den jeweiligen Schulen stellen wollte, um herauszufinden, wie der Lernprozess und die Herausforderung sowohl an die Schüler/innen, als auch an den/der Lehrer/in aussehen. Ferner sollte durch die Fragen der Unterschied zu Schülern bedacht werden, welche durchgehend in Deutschland zur Schule gegangen sind.

  • Wie haben Sie sich vorbereitet, bevor Sie diese Klasse übernommen haben?
  • Vor welche Herausforderungen wurden Sie gestellt?
  • Was ist anders als bei „deutschen“ Schüler/innen? Was ist vergleichbar?
  • Mit welchen Erwartungen sind Sie in die Klasse gegangen und wie war es in der Realität?
Integration von Schüler/innen mit Fluchtgeschichte in den Schulalltag

Wenn ein/e Jugendliche/r alphabetisiert ist, kommt diese/r in Hamburg in eine Internationale Vorbereitungsklasse (IVK). In dieser Klasse erlernt der/die Schüler/in die deutsche Sprache, und es gibt meist auch weitere Förderungsmöglichkeiten zur Integration, wie zum Beispiel AGs (Arbeitsgemeinschaften), in denen die Schüler/innen in Deutschland übliche Normen und Werte kennenlernen. Selbstverständlich gibt es auch Fächer wie Mathematik und Englisch.

Je nachdem, wie gut die Noten und der Lernprozess des/der Schüler/in ist, macht er/sie den ersten Schulabschluss (ESA, Hauptschulabschluss) oder den mittleren Schulabschluss (MSA, Realschulabschluss).

Hospitation und Team-Teaching an der Goethe Grundschule in Quickborn

An der Grundschule besuchte ich eine Klasse von Schüler/innen, welche circa im Alter von acht bis zehn Jahren waren. Die Schüler/innen waren sehr lieb. Natürlich gab es auch ein paar Rabauken, es gab mit ihnen aber im Großen und Ganzen keine Probleme im Verhalten.

Die Klasse war mit circa 12 Schüler/innen relativ klein. Die meisten kamen aus einem arabischsprachigen Land, dies erkannte ich daran, dass sie sich in ihrer Muttersprache austauschten. Es waren auch einige Afghanen in der Klasse und ein Junge aus Bulgarien.

Die deutsche Sprache wurde von den Schüler/innen noch nicht viel genutzt, nur wenn man gezielt Fragen stellte, gaben sie Antworten auf Deutsch beziehungsweise versuchten korrekte Sätze auf Deutsch zu bilden.

Durch den Deutschunterricht haben die Schüler/innen die Möglichkeit die deutsche Sprache flüssig zu erlernen und in eine Regelklasse zu wechseln, wo sie gemeinsam mit deutschen Muttersprachler/innen in einer Klasse lernen und auf einen Schulabschluss hinarbeiten.

An der Grundschule konnte ich beobachten, dass vermeintlich leistungsschwache Schüler/innen (die neu dazu gestoßen waren und die Sprache noch gar nicht beherrschten) ganz hinten saßen. Als ich die Lehrerin darauf ansprach, hieß es, dass es psychologisch nicht gut sei, sie extra nach vorne zu setzen.

Ein Schüler tat sich sehr schwer mit der deutschen Sprache und damit, sich in die Klasse zu integrieren. Dieser hatte die Erlaubnis, das Klassenzimmer einen Moment  zu verlassen, wenn ihm die Situation mit den lauten Mitschüler/innen und der Stress mit dem Erlernen der deutschen Sprache zu anstrengend wird.

Es gab drei neue Schüler, was die ohnehin schon herausfordernde Situation in der Klasse noch schwieriger gestaltete. Alle Schüler/innen in der Klasse benötigen sehr viel Aufmerksamkeit, und die neu dazugekommenen Schüler waren auf diese Aufmerksamkeit noch stärker angewiesen. Damit umzugehen, war nicht einfach, zumal die Klassenlehrerin mit den Schülern/innen alleine war.

Die Schüler/innen, die schon vorher in der Klasse waren, waren auf einem etwas höherem Niveau als die drei neuen, welche bislang noch gar kein Deutsch sprechen oder verstehen konnten. Trotzdem hatte jedes Kind den Willen schnell und viel zu lernen. Dies konnte ich während der Stillarbeit gut beobachten. Die Schüler/innen, welche mehr engagiert waren, waren auf die Aufgabe konzentriert und gewillt immer mehr zu tun. Andere, welche weniger gewillt waren zu lernen, saßen hinten still und beschäftigten sich mit anderen Dingen oder sprachen in ihrer Muttersprache mit Freund/innen und widmeten sich weniger den Aufgaben. Dann gab es ganz andere Schüler, welche sich weigerten die Aufgaben zu erledigen.

Die Lehrerin unterrichtete zuerst am SmartBoard anhand einiger Aufgaben die deutsche Sprache. Danach waren die Schüler selbst dran, das Gelernte umzusetzen, indem sie Wörter spielerisch mit Memorykarten oder die Artikel anhand von Bilderrätseln übten.

Später hat sich jedes Kind ein Buch genommen und dieses gemütlich auf einem Sitzsack oder mit seinen Freund/innen gelesen. Die Kinder durften zum Schluss selbst entscheiden, was ihnen gefällt und woran sie in der restlichen Zeit arbeiten wollen.

Interview mit der Lehrkraft an der Gesamtschule

Dieses Interview habe ich an meinem letzten Tag an der Schule geführt. Ich möchte im Folgenden die Antworten zu den oben aufgeführten Fragen wiedergeben.

Wie haben Sie sich vorbereitet bevor Sie diese Klasse übernommen haben?

Die Lehrerin gab an, dass sie parallel zum Unterrichten eine Weiterbildung beim Landesbetrieb für Lehrerbildung (LEB) gemacht habe.

Die Klassenlehrerin hatte bereits vorher Lehramt im Fach Spanisch studiert und wollte sich nun durch die Weiterbildung als Lehrerin im Fach Deutsch als Zweitsprache qualifizieren lassen.

Vor welche Herausforderungen stellt Sie die Klassenleitung von IVK?

Es sind 12 Kinder und alle haben 12 unterschiedliche Niveaus. Man muss alle in den Unterricht integrieren und versuchen, dass alle auf einen Wissensstand kommen.

Was ist anders als bei „deutschen“ Schüler/innen? Was ist vergleichbar?

Da die Mehrheit der geflüchteten Schüler/innen bisher noch keine Schule besucht hat, wissen sie meist nicht, wie sie lernen sollen. Sie haben keine Techniken dafür erworben, wie man lernt. Sobald etwas zu schwer wird, verlieren sie die Konzentration oder fangen an laut zu werden.

In der Realität war es so, dass die Lehrkraft den Kindern vor allem häufig die Verhaltensregeln in der Klasse erklären musste. Sie musste den Kindern erst zeigen, wie sie sich überhaupt in einer Schulklasse zu verhalten haben, bevor sie auf die Sprache eingehen konnte. In arabischsprachigen Ländern oder Ländern wie Afghanistan wird den Schülern bei Verstößen meist auf die Finger gehauen. Hier ist die höchste Bestrafung, die vorgenommen wird, eine Abstufung des Namens auf einer Ampel bei schlechtem Verhalten. (Das heißt, der Name verschwindet von der grünen Leuchte und wird an die gelbe oder rote Leuchte geklemmt).

Hospitation und Team-Teaching an der Berufsschule William Lindley in der Bundesstraße

An der Berufsschule besuchte ich eine Klasse von Jugendlichen, welche ungefähr im Alter von siebzehn bis achtzehn Jahren waren. Diese Schüler/innen waren im Gegensatz zu den Kindern an der Grundschule viel weiter, da sie bereits vor dem ersten Schulabschluss (Hauptschulabschluss) standen.

Die Struktur des Kurses war wie folgt:

Am Anfang des Deutschunterrichts sprachen Schüler/innen und Lehrer mündlich miteinander über alltägliche Dinge, wie das letzte Wochenende oder die Aufgaben der letzten Stunde. Es wurden Fragen bezüglich dieser und weiterer Themen ausgetauscht und es wurden Termine für die bevorstehenden Klausuren vereinbart.

Alle Schüler/innen wurden mit einbezogen, auch diejenigen, die sonst eher schüchtern waren. Die Klasse war lebhaft, die Schüler/innen beteiligten sich aktiv am Unterricht und beantworteten die Fragen des Lehrers. Sie arbeiteten eigenständig an selbstverfassten Texten mit selbst ausgedachten Themen. Die Lehrkraft erklärte ihnen lediglich die deutsche Grammatik und füllte ihre Lücken bei Fragen. Der Schwerpunkt lag auf dem selbstständigen Arbeiten.

Auch an der Berufsschule stellte ich der Klassenlehrerin meine Fragen.

Interview mit der Lehrkraft an der Berufsschule

Wie haben Sie sich vorbereitet, bevor Sie diese Klasse übernommen haben?

Die Lehrerin erzählte mir, dass sie ursprünglich im Bereich Holz und Kunststoff ihr Studium absolviert hatte. Danach hat sie, um diesen Kurs unterrichten zu dürfen, sehr viele Fortbildungen in unterschiedlichen Bereichen gemacht. Unter anderem waren diese im Fach Deutsch, eine Fortbildung als Klassenlehrerin und im Konfliktmanagement. Diese Fortbildungen besuchte sie während und auch außerhalb der Schulzeit.

Vor welche Herausforderungen sahen Sie sich gestellt?

Es gab diverse Herausforderungen. Einige davon waren die Einarbeitung in die fremden Fachgebiete und die fehlende Qualifikation für Deutsch als Zweitsprache.

Der Aufbau einer neuen Abteilung stellte auch eine Herausforderung dar, da es das Konzept der AVM Dual-Klassen noch nicht so lange gibt. Es gab vorher lediglich eine Berufsvorbereitung, aber kein AVM Dual.

Es wird seit einem Jahr eine ganz neue Abteilung aufgebaut mit Kollegen aus unterschiedlichen Berufen, zum ursprünglich Teil keine Lehrer.

Was ist anders als bei „deutschen“ Schülern, und was ist vergleichbar?

Die Hürde der Verständigung ist hier geballter, weil die Sprache fehlt. Das führt auch zu mehr Konfliktpotential. In der Anfangszeit, als die Schüler/innen neu ankamen, hatten sie ganz viele Probleme im Alltag und auch allgemein, anders als bei deutschen Schüler/innen. Mittlerweile haben sie ganz alltägliche Probleme, so wie die deutschen Schüler/innen auch.

Mit welchen Erwartungen sind Sie an die Klasse gegangen und wie war es in der Realität?

Die Lehrerin hatte im Hinblick auf das Schulsystem die Erwartung, dass sie viel mitgestalten dürfte. Sie dachte, dass es in einer neuen Abteilung vielleicht noch keine Richtlinien und Rahmenbedingungen gäbe. Diese Erwartung erfüllte sich schließlich auch.

Die Erwartungen an die Schüler/innen war, dass sie gewillt wären zu lernen, da sie sehr lange auf einen Schulplatz warteten. In der Realität war auch ein großer Teil der Schüler gewillt zu lernen, denn Schüler/innen, die nicht lernen wollen, melden sich ab und kommen auch nicht zum Unterricht.

Mein Fazit

Ich habe einige Gemeinsamkeiten der beiden Schulen bzw. Schulformen beobachten können. Zum einen saßen die „schwachen beziehungsweise verunsicherten“ Schüler im Klassenzimmer durchweg hinten. In der Berufsschule ist es den Schüler/innen selbst überlassen, wo sie sitzen wollen. An der Gesamtschule wurden diese Schüler bewusst nach hinten gesetzt, da es (aus psychologischer Sicht) für sie besser sei.

Außerdem waren beide Klassen, trotz verschiedener Schulformen und Altersunterschiede, bestrebt die deutsche Sprache zu erlernen. Die Schüler/innen waren zwar in verschiedenen Altersklassen, dennoch konnte man bei ein bis zwei Schüler/innen der Gesamtschule und der Berufsschule keinen großen Unterschied beim Niveau der Sprachkenntnisse feststellen. Der Spracherwerb hat in den beiden Fällen nicht primär mit dem Alter zu tun, sondern mit der Dauer der Teilnahme in einem Deutschkurs.

Ich persönlich habe in diesem Projekt völlig verschiedene Arten von Schulen besuchen dürfen und dort die Schüler/innen in einem für sie fremden bzw. neuen System beobachten und schauen können, in welchem Bereich sie Unterstützung brauchen.

Sowohl die Schüler/innen in der Grundschule als auch die in der Berufsschule haben sich in ihrem Verhalten nicht signifikant von Schüler/innen unterschieden, welche nur in Deutschland zur Schule gegangen und hier aufgewachsen sind oder seit mehreren Jahren hier Leben. Sowohl bei der Lernmotivation als auch beim Lernverhalten. Schüler/innen aus beiden Gruppen waren während des Unterrichts teilweise laut, mit dem Handy beschäftigt oder haben sich mit dem/r Tischnachbarn/in unterhalten.

Ich kann dies mit Überzeugung behaupten, da ich in der Vergangenheit privat an Schulen unterrichtet habe (in denen sich keine Geflüchteten Schüler/innen aufhielten) und somit einen guten Vergleich hatte.

An beiden Schulen habe ich erlebt, dass sowohl die Schüler/innen als auch die Lehrer/innen positiv auf mich reagierten. Im Laufe des Projekts durfte ich auch Ablehnungen von Schulen erhalten – unter anderem begründet durch mein äußerliches Erscheinungsbild (Kopftuch), wie mir mitgeteilt wurde.

Die Zeit mit den Schüler/innen und an den Schulen war sehr bereichernd für mich und ich sah in ihnen durch ihr Verhalten und ihren Willen „deutsche“ Teenager, welche auf ihr Ziel eines Schulabschlusses hinarbeiteten. Es zeigte mir, dass man alles schaffen kann, solange man sich  bemüht und ehrgeizig bleibt.

Ich habe auch selbst den Willen verspürt, diesen Schülern auf ihrem weiteren Weg zu helfen oder ihnen, egal ob in schulischer oder alltäglicher Situation, zur Seite zu stehen. Ich kann mir vorstellen, weiter ehrenamtlich an diesen oder weiteren Schulen auszuhelfen. Auch habe ich für meinen beruflichen Werdegang eine weitere Option kennengelernt, welche mir zusagt.

Alles in allem, war dieses Projekt für mich ein großer Erfolg!