Institut für Transkulturelle Kompetenz der Polizei-Akademie Hamburg

Exkursion am 24. November 2016

Exkursionsteilnehmer/innen: Anna, Susanne, Cordula, Markus, Tom, Ida, Olga
Gesprächspartner: Prof. Dr. Wulf-Dietrich Köpke

Quelle: Zeit Online vom 7. September 2016, 17:10 Uhr

Am Donnerstag, den 24. November 2016, besuchte eine achtköpfige Studierendengruppe des Seminars „Refugees welcome – aber wie?“ das „Institut für Transkulturelle Kompetenz“ der Polizei-Akademie Hamburg für ein Informationsgespräch mit Institutsleiter Professor Dr. Wulf-Dietrich Köpke. Das mehr als eineinhalbstündige Gespräch bot viele Anstöße und Diskussionspunkte in Bezug auf die aktuelle europäische/deutsche Integrationspolitik und die Rolle der Hamburger Polizei als Vollzugsbehörde dieser Politik, aber auch als Garant rechtsstaatlicher Standards und als ein Akteur in der Gewaltpräventionsarbeit.

Professor Köpke berichtete, dass das „Institut für Transkulturelle Kompetenz“ (ITK) erst vor einigen Monaten, im Februar 2016, gegründet wurde und die zukünftigen Arbeitsschwerpunkte ausgearbeitet worden seien und derzeit diskutiert würden. Das Institut hat neben dem Institutsleiter noch drei weitere Mitarbeiterinnen, die Polizeibeamtinnen sind. Professor Köpke, der von seiner Ausbildung her Völkerkundler und Ethnologe ist, sieht sich selbst nicht als Polizisten, sondern als Kulturwissenschaftler, der „nur bei der Polizei“ tätig sei.

Schwerpunkte der Arbeit des ITK werden zunächst Schulungen für Polizeibeamte (freiwillig zu besuchende Fortbildungen) und Seminare zur „Vermittlung von Werten“ und zum „sozialen und beruflichen Erfolg“ in Wohnunterkünften für Geflüchtete in Hamburg sein. Ein vorrangiges Ziel des ITK sei die Vermittlung und Stärkung „verstärkter transkultureller Kompetenz für die Hamburger Polizei“. Dabei sei es extrem wichtig, die Polizeibeamten dort „abzuholen, wo sie sind“ und nicht Seminare anzubieten, die für gestandene Polizisten keinen echten, praktisch verwertbaren Wissens- und Erfahrungszuwachs böten. Viele Hamburger Polizisten seien es seit Jahren gewohnt, mit Konflikten umzugehen und mit Personen zu kommunizieren, die mit deutschen Normen- und Wertesystemen nicht aufgewachsen sind und die deutsche Sprache oft nur unzureichend beherrschen – es sei bereits viel „Bauchwissen“ vorhanden. Diese Polizeibeamten könne und sollte man nicht verpflichten, Fortbildungen zu interkulturellen Kompetenzen zu besuchen; die Teilnahme müsse stets freiwillig sein, sonst „funktioniert es nicht“. Ein praktisches Problem sei ferner die sehr hohe Überstundenquote der Hamburger Polizeibeamten, die gar nicht zulasse, zusätzliche Dienstverpflichtungen zu kreieren.

Der Arbeitsschwerpunkt, der dem ITK-Leiter zurzeit besonders am Herzen liegt, ist die Bildungsarbeit für Geflüchtete in Hamburg. Hier sieht Prof. Köpke einen großen Bedarf für Seminare zur „Vermittlung von Werten und Kriterien für sozialen und beruflichen Erfolg in Hamburg“. Das ITK solle diese Seminare organisieren, die in großen Teilen allerdings von MigrantInnen getragen werden, die einerseits als Sprachmittler fungieren und andererseits als ReferentInnen. Diese sind im Idealfall HamburgerInnen, die sich in Hamburg erfolgreich etabliert haben, die sowohl Deutsch als auch die Sprache der Teilnehmenden sprechen und die einer vorherigen Sicherheitsüberprüfung nicht ablehnend gegenüberstehen. Diese SprachmittlerInnen / ReferentInnen erhalten für ihre „ehrenamtliche Tätigkeit“ bei diesen Seminaren eine (vergleichsweise großzügige) Aufwandsentschädigung, werden aber beim ITK nicht angestellt.

Als Beispiel für eine solche Form der Seminarorganisation nannte Prof. Köpke die Kooperation mit dem deutsch-eritreischen Verein FANUS e.V. für die Bildungs- und Sozialarbeit mit eritreischen Geflüchteten. Hintergrund sei, dass einige junge Eritreer unter Alkoholeinfluss verschiedentlich massive Konflikte mit der Hamburger Polizei verursacht hätten und die Kommunikationsschwierigkeiten, die hierbei zu Tage traten, erheblich gewesen seien. Es sei auch der Eindruck entstanden, dass viele Heranwachsende aus Eritrea den „verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol“ bislang nicht erlernt hätten und bestimmte Verhaltensweisen von Dritten deshalb auch nur schwer einzuordnen gewesen seien (z.B. Reaktion auf angeleinte (Polizei-)Hunde). Viele junge Eritreer seien durch Erfahrungen auf der Flucht sehr stark traumatisiert, würden aber oft eine psychiatrische bzw. psychotherapeutische Behandlung durch Ärzte ablehnen. Deshalb liege es Prof. Köpke auch persönlich am Herzen, die eritreisch-orthodoxe Kirchengemeinde Hamburgs als Kooperationspartner zu gewinnen, da Seelsorger dieser Kirche von den jungen Eritreern anerkannt und respektiert würden.

Am Vortage unseres Gesprächs habe das ITK ferner ein Seminar mit/zu/über „Sinti und Roma“ durchgeführt. Hierin habe ein Referent, der selbst Roma ist, über seinen Bildungsweg in Deutschland berichtet und auch über alltägliche und institutionelle Diskriminierungen gesprochen, die er vielfach erlitten habe. Der Bericht dieses Vortragenden sei für die Seminarteilnehmer besonders eindrucksvoll gewesen, weil er eine Perspektive vorstellte, die Polizisten sonst nicht zu Gehör gebracht wird. Es sei auch nicht selbstverständlich, dass Polizisten mit erfolgreich integrierten Vertretern von Minderheitengruppen oder von nicht-deutschen sozialen Gruppen zusammentreffen. Dies erschwere einen Perspektivenwechsel.

Hamburger Polizisten müssten oft mit urbanen (Sub-)Kulturen umgehen lernen, die mit ihren eigenen Alltagswelten und ihren Umgangsformen nicht viel gemein hätten. Die Mehrzahl der Hamburger Polizisten lebe eben nicht in Szenevierteln nahe der Innenstadt oder in eher peripher gelegenen sozialen Brennpunkten, sondern in (bürgerlichen) Vororten oder den Städten im Hamburger Umland. Viele Polizisten müssten daher zunächst verstehen lernen, dass „das, was sie leben nicht mehr die Mehrheitsgesellschaft“ sei. Aus diesem Grund wolle das ITK in Zukunft auch Workshops mit dem Titel „Die eigene Kultur“ anbieten, um Selbstbilder und Fremdbilder zu benennen, zu verstehen und zu reflektieren.

Prof. Köpke führte aus, dass der demographische Wandel und die Aufnahme sehr vieler Geflüchteter in Deutschland in den letzten Jahren wahrscheinlich dazu führen werden, dass sich in Deutschland neue Formen des kulturellen Miteinanders herausbilden werden und dass diese ein neues kulturelles Leben begründen werden. Eine Verengung unseres Blickes auf zwei bereits bestehende Kulturen, die lediglich miteinander (intensivierte) Austauschbeziehungen eingehen werden, sei zu vermeiden; unser Blick müsse sich vielmehr „transkulturellen“ Prozessen zuwenden. Hierfür seien „transkulturelle Kompetenzen“ notwendige Bausteine. In diesem Sinne werde das ITK „als Dienstleister für die Hamburger Polizei“ tätig.

Kontakt:

Professor Dr. Wulf Dietrich Köpke
Institut für Transkulturelle Kompetenz (ITK), Institutsleiter
Akademie der Polizei Hamburg
Carl-Cohn-Straße 39, D-22297 Hamburg

Quellen:

M.H., Hamburg, 27.11.2016