13. Dezember 2016: Flashback

Mein Name ist Mohamed und ich bin 22 Jahre alt. Seit inem Jahr und 3 Monaten lebe ich nun in Deutschland mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester Fatima, die hier zur Schule geht. Der Weg hierher war lang, beschwerlich und teuer – etwa 10.000$ hat es mich und meine Familie gekostet diesen Weg aus Bagdad hier her auf uns zu nehmen, um ein neues Leben zu beginnen. Wir haben viel hinter uns gelassen – unser Haus, unser Hab und Gut, unser Leben. Aber was ich nicht hinter mir lassen kann, ist ein prägendes Ereignis, das ich mit euch teilen möchte.

Es war ein normaler Arbeitstag für mich und ich verabschiedete mich von meiner Familie, um zur Arbeit zu gehen. Die Extremisten des IS (Islamischer Staat) versuchen seit längerem die Stadt für sich einzunehmen, weshalb der Weg nicht immer sicher ist. Jederzeit kann es zu Bombenangriffen oder zu einem Waffengefecht kommen. An diesem Tag passierte nichts.

Im Laden angekommen, fing ich an zu arbeiten, ging meiner Tätigkeit nach und bediente die Kunden, als eine Frau den Laden betrat und sich mit mir unterhielt. Sie war etwa 30 Jahre alt und sehr freundlich. Ich bediente sie an der Kasse, als aus dem Nichts ein ohrenbetäubend lauter Knall den Laden erfüllte. Die Glasscheibe hinter mir zerbrach in tausende Stücke. Ich konnte nichts hören außer dem Dröhnen in meinen Ohren. Ich war zuerst erleichtert, dass es mir – abgesehen von meinen Ohren – gut ging und ich keine großen Wunden davon getragen hatte. Dann blickte ich mich um und sah wie die Frau, mit der ich gerade noch geredet hatte, zu Boden ging. Sie schrie, aber ich konnte nicht verstehen, was sie sagte – das Dröhnen in meinen Ohren ließ nicht nach. Ich brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass ein riesiger Glassplitter
sie unterhalb der Rippen an der Seite ihres Bauches getroffen hatte und an eben dieser Stelle festhing. Sie verlor Unmengen an Blut und ich geriet in Panik. Ich versuchte mit ihr zu Reden und konzentrierte mich, um das Dröhnen aus meinen Ohren zu kriegen und ihre Worte verstehen zu können.

„Bitte sag meiner Tochter, dass ich sie liebe“ – das war der erste und einzige Satz, den ich diese Frau habe sagen hören. Ich riss mich zusammen, redete auf sie ein, erzählte ihr, dass sie das ihrer Tochter selber sagen kann, wenn sie wieder gesund wird und rief einen Krankenwagen.

Als dieser kam, begleitete ich sie in das Krankenhaus und fragte, was ich für sie tun könnte. Ich würde dieses Ereignis niemals vergessen können und genau so ist es auch. Noch immer habe ich diese Bilder vor Augen. Sie verbrachte etwa eine Woche im Krankenhaus und wurde glücklicherweise wieder gesund, doch ich war mir der Tatsache bewusst, dass es sowohl für sie als auch für mich anders hätte enden können.

Nachdem IS-Kämpfer auch noch versuchten mich zu rekrutieren, entschied ich, dass meine Familie und ich flüchten müssen. Zuerst hatte ich mich bei meiner großen Schwester, die auch in Bagdad lebte, versteckt. Doch es war schwierig den Alltag zu meistern, wenn man genau wusste, dass man in seiner eigenen Stadt nicht mehr sicher war.

2 Wochen später flohen meine Eltern, meine Schwester und ich nach Istanbul, wo unsere Flucht begann und trotz aller Schwierigkeiten bin ich froh, dass wir es gemeinsam hier her geschafft haben. Jetzt geht es darum, dass ich meine Aufenthaltsgenehmigung kriege, die der Rest meiner Familie schon hat. Obwohl ich schon über 1 Jahr hier bin, muss ich viele Behördengänge machen, aber ich bin froh, dass ich mittlerweile eine Arbeit gefunden habe und dass mein Deutsch immer besser wird.

Ich denke immer noch an diese Frau, die eines Tages mit mir in diesem Laden stand und frage mich wie es ihr geht – ich hoffe es geht ihr gut.