6. Februar 2017 – Die Flucht

Zu Beginn unserer Flucht wurde Irak noch als „sicheres Herkunftsland“ eingestuft. Vielleicht deshalb, weil in Bagdad noch nichts Ausschlaggebendes passiert ist. In den kleineren Städten und Dörfern war dies jedoch nicht der Fall, was allerdings nicht ausreichend berücksichtigt wurde. So verließen wir unsere kleine Stadt und hielten uns bei meiner großen Schwester „versteckt“ – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Wir konnten nicht mehr zur Arbeit gehen, da der Arbeitsweg einfach zu unsicher war. Jedes Mal besteht die Möglichkeit, dass dir ein Dschihad-Kämpfer begegnen könnte oder eine Bombe hochgeht oder, oder, oder. Es war einfach zu riskant und gefährlich.

So entschlossen wir uns dazu, zunächst in die Türkei zu flüchten. In Istanbul verblieben wir zwei Wochen. Danach machten wir uns auf dem Weg nach Griechenland und mussten einen Fluss überqueren, was sehr schwierig für uns war. Es war ein ziemlich beschwerlicher Weg, wir verliefen uns im Wald, die Oberschenkel meiner kleinen Schwester waren verwundet und das Blut lief einfach raus. Insgesamt dauerte dieser Weg mehr als drei Stunden. Plötzlich hielt ein Auto an und wollte uns mitnehmen – und 30 min. später waren wir auf dem Polizeirevier.

Irgendein Polizeibeamter nahm meinen Bruder und meinen Vater fest und er behandelte uns wie Dreck. Ich konnte diesen Anblick nicht wahrhaben – meinen geliebten Bruder, meinen geliebten Vater, so hilflos und missachtet von irgendeinem Polizisten aus einem fremden Land. Dies konnte ich nicht wahrhaben, so dass ich aggressiv wurde und mich dem Polizisten wiedersetzte. Ich wollte doch nur meine Familie verteidigen.

Als Strafe musste ich in einer 1m²-Zelle verbleiben und wurde von der restlichen Familie getrennt.  Ich wusste noch nicht mal, wo sie waren. Mein Bruder und mein Vater. Meine Schwester und meine Mutter. Und ich. So wurden wir aus dem Familienbund gerissen.
Irgendwann kam eine Polizistin und wollte Fingerabdrücke von uns nehmen für die Registrierung in Griechenland. Dort blieb ich 1 ½ Monate in dieser Zelle.

Als wir endlich gehen durften, flüchteten wir nach Mazedonien, von dort aus nach Serbien, nach Kroatien, nach Ungarn und anschließend nach Österreich. Über Salzburg erreichten wir anschließend die Grenze zu Deutschland. Wir verblieben noch einen Tag in Nürnberg und fuhren dann mit dem Zug nach Hamburg. Insgesamt hat die Flucht uns über 10.000 $ gekostet.

Momentan sind wir in Hamburg, alle wieder vereint. Meine Familie bekam eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr, während ich nur eine für 6 Monate bekam. Weshalb, weiß ich immer noch nicht.