31. Januar 2017: Interkultureller Austausch in der Welcome Lounge – Reflexion

Begleitung von Geflüchteten aus Eritrea zu Behördengängen in Hamburg
Einführung

Im Rahmen des Projektes „Welcome Lounge – Interkultureller Austausch“ betreut eine Gruppe von Ehrenamtlichen der Bürgerinitiative Welcome to Barmbek und Studierenden der Universität Hamburg Geflüchtete aus Eritrea, die seit kurzer Zeit in Hamburg (oder der Umgebung Hamburgs) leben. Die Geflüchteten haben die unterschiedlichsten Aufenthaltsstati und benötigen viel Hilfe bei ihren Behördenangelegenheiten und dem „Ankommen“ in Deutschland. Bei vielen der Geflüchteten  ist aber auch das Asylverfahren negativ beschieden worden. Oft handelt es sich um so genannte Dublin-III-Fälle, d.h. die Asylsuchenden sollen nach Italien oder in andere EU-Länder „überstellt“ werden, weil sich die Bundesrepublik Deutschland in ihren jeweiligen Fällen für nicht zuständig erklärt.

Die Geflüchteten müssen vielfach auf Briefe des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), des Einwohner-Zentralamtes der Freien und Hansestadt Hamburg (FHH) und des Fachamtes für Grundsicherung und Soziales der FHH und anderer Behörden reagieren.

In den allermeisten Fällen ist es für die Geflüchteten nicht möglich, die Inhalte der erhaltenen Briefe zu verstehen und in angemessener Weise rechtzeitig (schriftlich) darauf zu reagieren. Hierfür benötigen sie in verschiedenen Formen Unterstützung.

Sehr oft ist es für die Geflüchteten erforderlich, persönlich bei einer Behörde zu erscheinen. Die Anlässe und Gründe hierfür sind vielfältig, auch die Bedeutung der Termine variiert stark, z.B. Anhörung im Dublin-III-VO-Verfahren (extrem wichtig), Verlängerung einer Duldung (entscheidend für den legalen Aufenthalt) oder das Erscheinen zu einer ärztlichen Untersuchung (kann relevant sein für die Feststellung eines Abschiebehindernisses).

Im Laufe unserer Betreuungs- und Beratungsarbeit hat sich gezeigt, dass es oft hilfreich und geboten erscheint, junge Geflüchtete zu bestimmten Behördenterminen zu begleiten. Die Begleitungen geben den Geflüchteten eine emotionale und praktische Hilfestellung. Einerseits müssen sie nicht alleine zu einem Behördentermin gehen, vor dem sie teilweise Angst haben (z.B. Duldungsverlängerung beim Einwohner-Zentralamt). Andererseits ist die Anwesenheit einer/s Deutsch-Muttersprachlers/in hilfreich für die Behördenmitarbeiter, da sie jemanden vor sich haben, mit dem sie in effizienter Weise kommunizieren können ohne auf Dolmetscher oder Fremdsprachen „ausweichen“ zu müssen.

Im besten Falle sollten Begleitungen von Geflüchteten nicht notwendig sein, denn die deutschen Institutionen, die mit Geflüchteten arbeiten, sollten sich auch auf die Belange und Kommunikationsschwierigkeiten ihrer BesucherInnen/“KlientInnen“ einstellen und hierauf eingestellt sein. Leider ist dies oft nicht der Fall. Wie wir beobachten konnten, machte es manches Mal einen enormen Unterschied, ob ein Geflüchteter alleine oder in Begleitung eines Ehrenamtlichen etwa zu einem Termin bei einem Hamburger „Jobcenter“ erschien.

Wir wollen die Bedeutung von Behörden-Begleitungen und Begleitungen zu anderen Terminen (Rechtsanwalt, Kirchenasyl) anhand von ein paar ausgesuchten Beispielen illustrieren und hiermit auch versuchen, Menschen zu motivieren, sich für diesen Service verstärkt zu engagieren. Es ist eine wichtige Dienstleistung! – übrigens auch dann, wenn etwa auf Grund der ausgedehnten Wartezeiten in Behörden der Eindruck entstehen kann, man „verplempere“ gerade seine Zeit (denn das ist oft eine gute Gelegenheit für ein angenehmes Gespräch).

Fallbeispiele

(1) Begleitung zu einem Termin bei einem Hamburger Jobcenter

Meine erste Begleitung für einen Geflüchteten aus der Welcome Lounge zu einer Behörde oder einem Amt ergab sich kurz nachdem ich angefangen habe, mich in Barmbek zu engagieren. Daher war die Vorstellung, was genau mich erwartet auch noch relativ vage. Es sollte nun zum Jobcenter nach Farmsen gehen, um Sozialleistungen für einen jungen Mann beantragen zu lassen. Diese beinhalten auch das Monatsticket für die öffentlichen Verkehrsmittel in Hamburg und sind daher extrem wichtig. Bereits in der Welcome Lounge haben wir Handynummern ausgetauscht und uns am Tag des Termins an der nächstgelegenen U-Bahn-Station getroffen. Dann noch ein kleiner Spaziergang zum Jobcenter und nun standen wir vor einem grauen Hochhaus inmitten einer Baustelle.

Da wir vorher einen Termin vereinbart hatten, mussten wir keine Nummer ziehen, sondern haben direkt im entsprechenden Gang gewartet. Bevor wir ins Zimmer gebeten wurden, sind wir noch einmal alle benötigten Unterlagen durchgegangen. Da der junge Mann aus Eritrea kein Deutsch spricht und es daher zu Verständnisproblemen kommt, grade was Formulare angeht, war dies wichtig zu überprüfen. Nach ca. 30 Minuten Wartezeit wurden wir sehr nett von einem Sachbearbeiter begrüßt. Das Gespräch verlief sehr gut, besser als ich es erwartet hätte. Wir sind dann die benötigten Formulare durchgegangen und ich habe die dabei aufkommenden Fragen übersetzt und beantwortet. Da der Geflüchtete auch Englisch konnte, war dies an manchen Stellen etwas überflüssig. Jedoch hatte ich trotzdem das Gefühl, die Kommunikation insgesamt zu erleichtern, insbesondere bei der Erklärung der aktuellen Wohnsituation, da diese nicht ganz eindeutig war. Es fehlten dann doch zwei Formulare, die wir im Vorfeld nicht bedacht haben, jedoch gab es eine weitere Frist zum Einreichen und einen neuen Termin in zehn Tagen, an dem dann alles fertiggestellt werden sollte. Danach haben wir noch versucht, in einem anderen Raum die HVV-Monatskarte zu beantragen beziehungsweise ein entsprechendes Formular zur Benutzung dieses Tickets zu bekommen, jedoch war auch dies erst möglich, nachdem der komplette Antrag fertiggestellt wurde.

Insgesamt verlief unser Termin sehr gut, besonders da der Geflüchtete Englisch konnte und sich so die Kommunikation einfacher gestaltete, auch wenn wir vorerst ohne Endergebnis verblieben waren.

Außerdem bin ich überrascht gewesen wie freundlich und hilfsbereit unser Sachbearbeiter war, da ich vorher schon diverse andere Geschichten von Sachbearbeitern gehört hatte, jedoch ist dies natürlich auch subjektiv begründet.

Zum Ergebnis: nachdem die weiteren Formulare fristgerecht beim Jobcenter eingereicht waren, hat der junge Mann aus Eritrea seine Sozialleistungen beziehen können, inklusive HVV-Monatskarte. Also ein gelungener Fall. [K.S.]

(2) Begleitung zu einer Unterkunft im Schutzbereich der ev.-luth. Kirche in Hamburg

Viele Geflüchtete aus Eritrea sollen auf Grund der Regelungen des sog. Dublin-III-VO-Verfahrens in andere Staaten der Europäischen Union (oder assoziierte Staaten) abgeschoben werden. Die rechtlichen Möglichkeiten eines Widerspruchs oder einer Klage sind in diesen Fällen eng begrenzt. In einigen Fallkonstellationen kommt ein Kirchenasyl in Betracht. Die meisten jungen Eritreer haben bereits von Fällen anderer Eritreer gehört, die für eine gewisse Zeit ein Kirchenasyl erhalten hatten. Das Verfahren zur Aufnahme in ein Kirchenasyl ist relativ komplex. Entscheidend ist immer die Bereitschaft einer Kirchengemeinde, ein Kirchenasyl einzurichten und die Verantwortung für den Schutzbedürftigen zu übernehmen (z.B. im Falle einer Erkrankung).

Nach einer Vielzahl von Telefonaten und E-Mails gelang es einem engagierten Kollegen, ein temporäres Kirchenasyl für einen jungen Mann aus Eritrea in Hamburg zu organisieren. Die Angst vor einer Abschiebung hatte dem Mann sehr zugesetzt. Er hatte sich bei ein paar Behördengängen „ungeschickt“ verhalten. Er hatte z.B. bei einer Untersuchung eine Panikattacke bekommen und machte danach einen vergleichsweise desolaten Eindruck.

Deshalb erschien es angebracht, ihn zu diesem Termin – dem Antritt seines Kirchenasyls – zu begleiten. Weder er noch ich kannten die Umgebung dieses Kirchenasyls in einem eher abgelegenen Teil eines Außenbezirks von Hamburg, wo er eine Bleibe finden sollte.

Ich merkte schnell, dass der junge Mann sehr gestresst war, u.a. weil er mich bereits 20 Min. vor unserer Verabredung an einem S-Bahnhof anrief und fragte, wo ich bin und ob ich auch komme. Zu anderen Zeiten war eher entspannt, was Terminliches anbelangte. Als wir uns dort trafen, schien er erleichtert zu sein. Wir haben einige Minuten vor dem Stadtplan und dem HVV-Netzplan gestanden, um zu klären wie man gemeinsam am schnellsten an den beschriebenen Ort kommt. Ich war erleichtert zu sehen, dass er Verkehrspläne gut lesen konnte. „Dann wird er auch ohne Probleme den Weg zurück in die Stadt finden“, dachte ich. Zuvor hatten wir in der Welcome Lounge einige Fälle erlebt, in denen eine Person, vor einem Stadtplan sitzend, beispielsweise nicht verstand, wie sie mit der S-Bahn/U-Bahn von Barmbek zum Hauptbahnhof fahren konnte.

Als wir ca. 45 Min. später an dem Ort ankamen, der uns beschrieben wurde, war ich erstaunt. Der zuständige Mitarbeiter der Kirchengemeinde war vor Ort in seinem Büro, machte einen sehr entspannten Eindruck, kannte den Fall und die derzeitige Sachlage gut und hatte auch bereits einige Dokumente vorbereitet. Wir gingen gemeinsam zu dem Zimmer, in dem der junge Mann aus Eritrea nun Unterschlupf gewährt bekam und sprachen über einige Details wie Bettwäsche und Heizung.

Danach gingen wir ins Büro und tauschten u.a. Adressen aus. Ich wollte, dass der junge Mann seine neue offizielle Adresse (d.h. die der Kirchengemeinde) nicht nur in seinem Handy abspeicherte, sondern auch auswendig lernte – falls er mal von der Hamburger Polizei aufgegriffen wird und dann danach gefragt wird. Das Gespräch hierüber nahm ein wenig skurrile Züge an. Ich kam mir sehr lehrerhaft vor. Der Kirchenmitarbeiter guckte mich etwas verwundert an, als ich wiederholt auf der korrekten Aussprache eines Wortes mit tückischem Umlaut (einen Laut „ü“ (IPA: ʏ / y:) gibt es im Tigrinya nicht) bestand.

Als wir wieder zum Zimmer gingen, sah ich, dass der junge Mann sehr erleichtert war. Eine große emotionale Last war von ihm gefallen. Von Abschiebung bedroht zu sein, kann schwere psychische Belastungen mit sich bringen. Zeitweise von dieser Sorge befreit zu sein, bringt Entlastung.

Beim nächsten Treffen in der Welcome Lounge sah ich ihn wieder lächeln. Dieses breite Lächeln hat uns im Team viel bedeutet. Unsere Arbeit hatte etwas bewirkt. [G.]

(3) Begleitung zu einer Erstberatung bei einem Rechtsanwalt

Es gibt Geschichten von Geflüchteten, die man hört und in die man sich einarbeitet und denkt: ich habe nicht die geringste Ahnung, man diesem Mann jetzt helfen könnte. So war das bei einem Eritreer, der uns einen Beschluss eines hohen Gerichtes eines anderen EU-Landes vorlegte. Hierin stand, letztinstanzlich verordnet, dass er in diesem Land keinen Schutzstatus zugesprochen bekommt und dass er dieses Land verlassen muss und nicht mehr einreisen darf. Das habe er auch gemacht und sei nach Deutschland gekommen, sagte er uns.

Leider hatte er auch einen negativen Bescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) dabei. Das BAMF forderte ihn hierin auf, sich sofort wieder in dieses besagte EU-Land zu begeben – ja, das Land, das ihn ausgewiesen hatte und die Wiedereinreise untersagt hatte.

Wir besprachen den Fall zusammen im Team und kamen zu dem Ergebnis, dass der Mann einen Rechtsanwalt, am besten einen Spezialisten im Asyl- & Ausländerrecht, benötigt. Leider bekamen wir keinen Termin an diesem Tag und am kommenden Tag war bereits das Ende der Frist zur Erhebung einer Klage gegen den BAMF Bescheid beim zuständigen Verwaltungsgericht.

Ich traf mich mit dem Mann am Vormittag des kommenden Tages. Es war kalt und er kam zu spät, etwa 20 Minuten. Ich wartete vor einem Gebäude direkt beim Bahnhof Barmbek und dachte nur, „Oh Mann, was wird’n das jetzt bloß.“ Meine Laune war schlecht, aber die des Eritreers relativ gut, immerhin etwas. Wir überprüften, ob er die relevanten Dokumente alle beisammen hatte. Das war der Fall, ein gutes Zeichen.

Wir fuhren zum Büro eines Fachanwalts für Verwaltungsrecht mit vergleichsweise guter Reputation, direkt bei einem großen Einkaufszentrum um die Ecke, 2. Stock, Begrüßung durch eine junge Vorzimmerdame. Nein, einen Termin hätten wir nicht direkt, aber wir hätten Zeit und könnten warten. OK. Etwas später die Auskunft, der Anwalt käme heute erst sehr spät zurück ins Büro und hätte bestimmt keine Zeit. Oh, Okayy. Könnten wir vielleicht zu seinem Partner? Sie müsse schauen, Moment, … Ja, das ginge noch. Wartezimmer.

Das Gespräch bei diesem Anwalt, auch ein Experte für Asylrecht, war zunächst geprägt von Höflichkeit und Skepsis. Man sah, dass der Anwalt nicht unbedingt begeistert war von der Sachlage und der Fallkonstellation. Das Gespräch verlief erst einmal zwischen mir und dem Anwalt. Der betroffene Eritreer verstand uns nicht. Er konnte zu diesem Zeitpunkt nur wenig Englisch und fast gar kein Deutsch. Ich rief später während des Gespräches unseren Dolmetscher an, damit er die wesentlichen Aspekte der Unterhaltung für den potentiellen Mandanten ins Tigrinya übersetzen konnte. Das funktionierte gut. Aber uns allen war klar, dass diese Variante des Übersetzens sicher nicht das Gelbe vom Ei war. Eine Alternative hatten wir an diesem Vormittag allerdings nicht.

Der Anwalt sagte zu, dass er den Fall übernehmen könne und einen Eilantrag noch an diesem Tag auf den Weg bringen könne. Super. Das Mandat würde er für 400.- € übernehmen, davon müssten 200.- € als Vorschuss geleistet werden, also heute. Uui, wie soll das jetzt gehen?

Ich versuchte, diese Information, so gut es ging, dem jungen Mann zu erklären, auf English, dann mit ein paar Brocken Tigrinya. Er meinte, er habe nur 50.- € dabei und bekomme auch nur 106.- € pro Monat als Grundsicherung. Neuerliches Telefonat mit dem Dolmetscher. Familienmitglieder, die ihn finanziell unterstützen könnten, hatte er nach eigenen Angaben nicht. Der Mann schlug vor, jeden Monat 50.- € zu zahlen bis das Verfahren abgeschlossen sei. Er bekäme immer gegen Ende des Monats Geld „vom Amt“, gleich nächste Woche wolle er weitere 50.- € vorbeibringen.

Die Reaktion des Anwalts erfolgte zunächst nicht verbal, sondern erst mal in Form einer hochgezogenen Augenbraue. Danach sagte er knapp, solch ein Mandat lohne sich finanziell eh nicht; aus Erfahrung wisse man, dass es notwendig sei, einen Vorschuss zu verlangen und – nach einer Denkpause – o.k., der junge Mann solle jetzt zahlen, was er kann, er würde das Mandat übernehmen. Ein „trotz allem“ stand virtuell im Raum, wurde aber nicht phonetisch realisiert.

Ufff, da stand die Entscheidung kurz mal auf der Kippe, nochmal gut gegangen, dachte ich. Ich versicherte dem Anwalt, dass wir versuchen würden, die Betreuung seines neuen Mandanten mit Dokumenten und Dolmetsch-Diensten zu unterstützen. Das wiederum kam gut an beim Anwalt.

Das Verfahren läuft derzeit noch. Die Chancen kann ich nicht einschätzen. Aber wir haben noch keine Klage gegen einen sog. Dublin-III-VO-Bescheid zu Gesicht bekommen, die erfolgreich gewesen wäre. Dennoch: das Recht auf professionelle juristische Vertretung und rechtliches Gehör zur Wahrung der eigenen Menschenrechte sind zwei hohe Rechtsgüter. Wenn es die Chance gibt, sich professionell beraten und vertreten zu lassen, sollte man sie ergreifen, gerade im Asylverfahren. Aber Anwälte reißen sich nicht gerade um besagte Mandate und freie Termine bei guten Anwälten sind derzeit Mangelware. Ich bin froh, dass wir immerhin diese Chance haben wahren können. [G.]

(4) Begleitung zu einem Beratungstermin bei der Refugee Law Clinic Hamburg (RLC)

Das deutsche Verwaltungsrecht und im speziellen das neue deutsche Asyl(verfahrens)recht überrascht den ehrenamtlichen Begleiter von Geflüchteten ab und zu mit unschönen Überraschungen. Da gibt es kein „normales“ Widerspruchsverfahren mit vier Wochen Widerspruchsfrist, sondern auch mal nur eine einzige Woche ab Zustellung eines Bescheides bis zu einer möglichen Klageerhebung. Ferner gibt es prozesstaktische Fragen, die mit den Fristen im so genannten Dublin-III-Verfahren verbunden sind. Es kann sein, dass es besser ist, gar nicht erst zu klagen, damit die vom BAMF angesetzte Überstellungsfrist nicht etwa durch einen Beschluss des Verwaltungsgerichts Hamburg neu angesetzt wird. Vielleicht ist es für einen Geflüchteten besser, sich einige Zeit unauffällig zu verhalten und bei den Behörden nicht aufzufallen, so dass die eigene Akte erst nach Ablauf einer wichtigen Frist wieder auf dem Schreibtisch des jeweiligen Sachbearbeiters landet!? Aus den genannten Gründen, die recht komplexe individuelle Entscheidungen und generelle juristische Erwägungen einschließen, ist es gut, sich rechtlich beraten zu lassen und ggf. auch nicht nur von einer Person (Stichwort: 2 Juristen = mindestens 3 Meinungen).

So war es auch im Falle eines jungen Mannes aus Eritrea, der im Spätherbst 2016 bei uns in der „Welcome Lounge“ vorsprach. Es ging bei ihm um die Bedrohung durch die vom BAMF angeordnete „Überstellung“ nach Italien, in ein Land, in das er auf Grund sehr schlechter Erfahrungen vor Ort partout nicht mehr zurückreisen wollte. Er war zuvor bereits mit einem Lehrer und Vertrauten aus seiner Kirchengemeinde bei der ÖRA (Öffentliche Rechtsauskunft der Stadt Hamburg) vorstellig geworden. Dort hatte eine bemerkenswert engagierte ÖRA Mitarbeiterin, die selber Rechtsanwältin ist, eine Klage gegen einen negativen Asylverfahrensbescheid vorbereitet. Das war eigentlich ein gutes Ergebnis, aber die Erfolgschancen der Klage waren als gering einzustufen. Und es gab damals ein paar Kommunikationsschwierigkeiten in dieser Sprechstunde, die mit traumatisierenden Fluchterfahrungen ursächlich in Verbindung standen …

Der junge Mann aus Eritrea wollte zu dieser Zeit unbedingt in ein Kirchenasyl und wurde dank eines Vertrauten auch bei einer engagierten evangelischen Kirchengemeinde im Westen Hamburgs vorstellig. Diese Kirchengemeinde benötigte eine Bestätigung, dass auf juristischem Wege in diesem Falle „Hopfen und Malz“ bereits verloren waren, sowie ein Dossier über den Kirchenasylbewerber mitsamt seinen BAMF-Dokumenten und weiteren Nachweisen.

Der junge Mann sprach daraufhin an einem Mittwochnachmittag bei unserer „Welcome Lounge“ vor und tauschte sich mit unserem Tigrinya-Sprachmittler intensiv über seine Beratungserlebnisse und seinen Fall aus, der anschließend auch unter den ehrenamtlichen Mitarbeitern besprochen wurde. Wir beschlossen, eine weitere juristische Meinung einzuholen, ohne dass hierfür gleich Kosten für eine anwaltliche Erstberatung für den mittellosen jungen Eritreer entstehen sollten. Es ging inhaltlich u.a. um die Notwendigkeit der Verlängerung der Aufenthaltsgestattung und eine Terminwahrnehmung (oder eben nicht), die Frage der Rücknahme einer Klage bei Eintritt in ein Kirchenasyl, die Gestaltung des Dossiers und das Abfassen von Begleitbriefen.

Wir entschieden uns, die Sprechstunde der Refugee Law Clinic Hamburg in Wandsbek aufzusuchen. Die Refugee Law Clinic (RLC) ist eine ehrenamtlich organisierte Rechtsberatung für Geflüchtete mit Schwerpunkt auf Fragen des Migrationsrechts (vor allem: deutsches & europäisches Asylrecht). Die Beratung erfolgt durch fortgeschrittene, fachlich speziell geschulte Studierende der Rechtswissenschaft, die wiederum durch erfahrene Rechtsanwälte unterstützt werden, die auch die Supervision der Studierenden leiten (z.Zt. RA Heiko Habbe, RA Björn Stehn, u.a.).

Wir gingen als Gruppe von drei Leuten an einem dunklen Freitagnachmittag zur Bücherhalle Wandsbek (Wandsbeker Allee 64, Nähe Wandsbek Markt / Staatsarchiv Hamburg), wo es im ersten Stock einen Gruppenarbeitsraum gibt, der für die Beratungssprechstunde der RLC zur Verfügung steht.

Wir mussten nur ein klein wenig warten, vor uns war ein Mann aus Afghanistan mit seinem Fall in der Beratung. Als wir an die Reihe kamen, habe ich unseren „Fall“ zuerst mündlich auf Deutsch umrissen und die aktuelle Lebenslage des jungen Eritreers skizziert, wobei ich mir Mühe gab, doch eine Eingrenzung auf Rechtsfragen und relevante Verfahrensfragen vorzunehmen. Dann haben wir einige relevante Dokumente vorgelegt, wobei dem negativen BAMF-Bescheid die größte Aufmerksamkeit galt.

Ich wusste, dass der mit begleitende Vertraute viel Wert darauf legte, auf die psychische Verfasstheit seines Schützlings (die zu diesem Zeitpunkt nicht gut war) zu sprechen zu kommen und fragen würde, inwieweit dies im Verfahren eine Rolle spielen würde/könnte. Auch dieser Aspekt des Falles wurde im Laufe der Beratung besprochen, wobei leider klar wurde, dass der Nachweis eines Abschiebungshindernisses auf Grund psychischer Belastungen alles andere als einfach ist. Ein einfaches Attest eines Arztes würde keinesfalls genügen, erfuhren wir.

Vor uns saßen drei BeraterInnen des RLC-Teams, wobei sich zwei Berater sehr intensiv mit unseren Fragen auseinandersetzten, während die dritte Beraterin sich zunächst und vorrangig lesend mit dem BAMF-Bescheid beschäftigte. Es gab in vielen Fällen keine einfachen Antworten auf unsere zum Teil recht speziellen Fragen, so dass wir nach ca. 40 Min. Gesprächszeit zusammen fallbezogene Fragen notierten und E-Mail Adressen austauschten. Wir würden also vertagen und E-mails austauschen.

Bereits am Sonntagnachmittag bekamen wir, weit früher als gedacht, eine lange E-Mail mit Antworten auf unsere Fragen. Einer der RLC-Berater hatte am Samstag weiterrecherchiert, mit den RLC-Supervisoren Rücksprache gehalten und noch am Wochenende eine E-Mail an uns verfasst.

Das war beruhigend, weil wir unseren Ratsuchenden aus Eritrea nun besseren Gewissens beraten konnten und ein paar wirklich wichtige Termine in den kommenden Tagen bevorstanden. Letztendlich hat die besagte Kirchengemeinde unseren „Mandanten“ in der folgenden Woche sehr intensiv betreut, nicht nur durch die Gewährung einer sicheren Unterkunft, sondern auch durch die Vermittlung eines neuen, pro bono arbeitenden Rechtsanwalts, an den alle relevanten Dokumente – samt E-mails und Briefen – umgehend weitergeleitet wurden.

Die Begleitung zur Sprechstunde der RLC in Wandsbek war eine kleine Episode im Prozess der Betreuung dieses jungen Mannes aus Eritrea im Jahre 2016. Zuvor und hiernach gab es andere Termine in anderen Institutionen, auch mit anderen Begleitpersonen. Für den jungen Mann werden die Termine zur Vorsprache in der Kirchengemeinde sicher eindrücklicher gewesen sein als der hier beschriebene RLC-Termin.

Aber für mich als Begleiter/Berater war dieser Termin wichtig, weil wir zu einem kritischen Zeitpunkt schnell eine fachlich fundierte Auskunft erhielten, die uns als Team später half, konkrete Empfehlungen auszusprechen. Die Wahrnehmung dieses Termins hat sich gelohnt. Gutes Timing. Danke. [G.]

Hamburg, Januar 2017